Großgeschiebe aus der Niederlausitz – Einleitung

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Gneisgranit, vermutlich svekofennischer Herkunft (kein Revsund-Granit), mit deformierter Aplitader am Nordrand des 2015 stillgelegten Tagebaus Cottbus-Nord, Breite etwa 3 Meter. Fünftgrößter geborgener Findling im Niederlausitzer Braunkohlerevier.

Fährt man durch das Niederlausitzer Bergbaurevier, fallen die zahlreichen großen Steine an den Tagebaurändern auf. Die Bergbautätigkeit auf Braunkohle bringt unzählige Gesteinsblöcke aus glazialen Ablagerungen ans Tageslicht. Während der drei großen Vereisungszyklen vergangener Kaltzeiten, v.a. während der Saale- und Elster-Vereisung, transportierte das Inlandeis Gesteine aus dem Norden in dieses Gebiet, sog. Geschiebe. Die Steine sind ein Abbild längst abgetragener Gebirge des Baltischen Schildes mit hohen Altern, hauptsächlich entstanden in einem Zeitraum vor etwa 1 bis knapp 2 Milliarden Jahren (1-2 Ga). Die Geschiebekunde beschäftigt sich u.a. mit der petrographischen Bestimmung dieser Gesteine aus dem fennoskandischen Bereich unter besonderer Berücksichtigung ihrer geographischen und geologischen Herkunft.

In der vorliegenden Artikelserie werden Geschiebe sowohl hinsichtlich der Petrographie als auch der Bestimmung eines mehr oder minder exakt zu benennenden Heimatgebietes besprochen. Dabei geht es vornehmlich um die großen, immobilen Steine ab etwa 30 cm Durchmesser, die in keine Sammlung passen und daher fast ausschließlich fotografisch erfasst wurden. Die Bewahrung aller interessanter Steine im Zuge ständiger Veränderungen der Landschaft durch den Bergbau, z.B. in Findlingsgärten, ist keineswegs sichergestellt. Daher ist die Dokumentation der häufig fast bergfrisch erhaltenen Großgeschiebe eine Möglichkeit einer dauerhaften Anschauung dieses einzigartigen geschiebekundlichen Studienmaterials. Hier geht es hauptsächlich um die Gesteine des kristallinen Grundgebirges. Sedimentgesteine ab Kambrium werden eher grob nach Petrographie, weniger unter dem Aspekt ihres Fossilinhalts behandelt, wenngleich ihre stratigraphische Stellung durch letzteren bestimmt wird. Die Fotodatei besitzt im Moment einen Umfang von ca. 1500 Bilder von ca. 550 Objekten (Stand Mai 2017), ergänzt durch wenige Handstücke und einzelne aufgelesene kleinere Geschiebe. Die Dokumentation wird nach Möglichkeit ergänzt und erweitert.

  1. Diabase, Dolerite, Gabbros.
  2. Porphyre und Vulkanite; quarzporphyrischen Rapakiwis.
  3. Granitoide, Teil 1 (TIB-Granite, südschwedische Granite).
  4. Granitoide, Teil 2 (mittel- und nordschwedische Granite).
  5. Gesteine aus Rapakiwiplutonen, Teil 1: Rapakiwis allgemein, Rapakiwigesteine von Åland; Teil 2: weitere Rapakiwivorkommen, finnisches Festland.
  6. Metamorphite
  7. Brekzien und Konglomerate; Xenolithe. Pegmatite und Aplite.
  8. Sedimentite

 

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Im Tagebaubetrieb anfallende Gesteine werden z.T. gesondert gesammelt, oftmals in sog. Findlingsdepots. Im Bild das „Findlingslabyrinth“ in Steinitz am Tagebau Welzow-Süd. Regnerisches Wetter lässt Farbe, Textur und Gefüge der Gesteine deutlich hervortreten.

In diesem einleitenden Artikel folgen zunächst einige Bemerkungen zum Braunkohlebergbau, zum Gesteinsaufkommen und allgemeine Beobachtungen an den Geschieben wie Spuren ihres Transportes mit dem Inlandeis. In den folgenden Teilen werden einzelne Gesteine in mehreren Abschnitten vorgestellt, geordnet nach einer einfachen petrographischen Einteilung. Diese Beschreibungen richten sich an den geschiebekundlich oder petrographisch interessierten Leser und beinhalten eine Auswahl nicht zuletzt subjektiv interessanter Gesteine mit kurzer Beschreibung und ggf. Bemerkungen zur Bestimmbarkeit oder zu ihrem Status als Leitgeschiebe. Ästhetische Aspekte der Gesteinsbetrachtung können auch für den weniger geologisch interessierten Betrachter ihren Reiz haben.

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Karte aller Braunkohletagebaue in der Nieder- und Oberlausitz aus regionalgeologie-ost.de. Heute noch aktiv sind die östlich gelegenen Tagebaue Jänschwalde (mittlerweile flächenmäßig mindestens doppelt so groß), Welzow-Süd, Nochten und Reichwalde. Cottbus-Nord wurde 2015 stillgelegt. Die Kartenbreite von ca. 100 km vermittelt einen Eindruck von der Größe des Braunkohlereviers, der insgesamt bisher bewegten Erdmassen und der gewaltigen Dimensionen der Tagebaue.

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Blick in den Abbaubereich im Tagebau Jänschwalde. Die Abbaukante befindet sich direkt unterhalb. Links im Bild erkennbar ist der lange Ausleger eines Eimerkettenbaggers der Förderbrücke F60. Die Mächtigkeit des Deckgebirges im Hangenden der Braunkohle beträgt hier etwa 100 m. Gefördert wird mittelmiozäne Braunkohle des 2. Lausitzer Flözhorizonts. Darüber befinden sich Wechsellagen aus kohligen Schluffen und hellen Sanden, gefolgt von glazialen Ablagerungen, im wesentlichen Schmelzwassersande und Geschiebemergel. Ganz oben in diesem Profil erscheint ockerfarbener Geschiebemergel. Die Lagerungsverhältnisse der Kohle in der Lausitz sind im einzelnen natürlich sehr kompliziert, Tertiär und Quartär im Zuge der unzähligen Aufschlüsse aber sehr gut erforscht. Verwiesen sei auf die Literatur am Ende dieses Kapitels, v.a. AUTORENKOLLEKTIV 2010.

 

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Hauptrandlagen des Inlandeises in Ostdeutschland, Grafik verändert nach D. Franke aus regionalgeologie-ost.deviolett: Weichsel, orange: Saale, oliv: Elster. Die roten Punkte markieren die vier hauptsächlich betrachteten, aktiven Tagebaubereiche (Cottbus-Nord, Jänschwalde, Welzow-Süd, Nochten). Außer Nochten sind die Tagebaue von allen Saale-Vorstößen überfahren worden. Die elsterkaltzeitlichen Sedimente sind in der Niederlausitz häufig komplett ausgeräumt, es verbleiben oftmals nur Akkumulationen von Großgeschieben. Der Abbau in Cottbus-Nord und Jänschwalde findet im am Ende der Weichselvereisung entstandenen Baruther Urstromtal statt. Nach einer mündl. Mitteilung von Herrn R. Thiele ist die genaue Verbreitung der Weichsel-Maximalausdehnung nach Süden in diesem Bereich noch Gegenstand der Diskussion.

 

Der Abbau der Braunkohle

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Nach Absenkung des Grundwasserspiegels mit Filterbrunnenriegel und Vorfeldberäumung (rechts vom Bagger) beginnt der Vorschnittbagger mit der Abtragung der quartären Deckschichten. Hier befinden sich auch die nordischen Großgeschiebe in unterschiedlicher Häufigkeit, die ab einer Größe von 30 cm manuell entfernt werden müssen, damit sie nicht die Großgeräte beschädigen. Laut KÜHNER 2002 sind etwa 70% der Steine 30-50 cm groß, nur etwa 5% erreichen Größen über einen Meter. Vom Vorschnittbagger wird das quartäre Lockermaterial des oberen Deckgebirges mittels Förderband zum Absetzer transportiert (s.u.).

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Blick in den Tagebau Welzow-Süd. Der Abbau der Braunkohle erfolgt von links nach rechts und findet unten auf der Grubensohle statt. Die mächtige F60 Abraumförderbrücke (500 m lang, 80 m hoch) schafft den Abraum auf die Kippenseite (links). Die Kohlebagger sind wesentlich kleiner dimensioniert, in ihren Abmessungen aber schon wahre Ungetüme, wenn man direkt daneben steht. Zum Größenvergleich erkennt man rechts unterhalb des Kohlenbaggers einen Pickup-PKW. Die Kohle wird zur Verstromung mittels Förderband ins Kraftwerk Schwarze Pumpe transportiert.

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Absetzer im Tagebau Nochten vor endloser Kippenlandschaft, im Hintergrund das Kraftwerk Boxberg. Der Absetzer sorgt im Rahmen der Rekultivierung der in Anspruch genommenen Flächen u.a. dafür, dass quartäre Schichten wieder zuoberst liegen, da die kohligen Kippenböden sehr unfruchtbar sind.

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Bizarre Landschaft, Rekultivierungsflächen im Tagebau Welzow-Süd: Versiegelung der kohligen Kippenböden durch quartäre Schichten.

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Durch das Massendefizit der entnommenen Braunkohle verbleibt ein Restloch, das mit Wasser gefüllt wird. Hier ein Blick auf den Lichtenauer See, ehemaliger Tagebau Schlabendorf-Nord. In Schlabendorf-Süd und Seese-Ost waren lange Zeit die miozänen Seeser Sande aufgeschlossen. Dies sind Flußablagerungen, vermutlich des Eridanus, einem nordischen Urfluß, der dem Verlaufe der heutigen Ostsee in etwa folgend, zeitweise größere Gerölle von Silurkalk, Skolithos-Sandstein und anderem nordischen Material in dieses Gebiet brachte, das als verkieselter sog. „lavendelblauer Hornstein“ hier massenhaft zu finden war.

 

Die Gesteine

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Blick über das Findlingsdepot am Nordrand von Cottbus-Nord. Die Steine wirken oft frisch und sauber, diesen Zustand behalten sie einige Jahre. Lithologie und Verläufe von Gefügen lassen sich so an den großen Objekten sehr gut studieren. Die meisten Findlingslager sind öffentlich nicht zugänglich. Für die vorliegenden Studien musste ich mich um eine Genehmigung bei Vattenfall (jetzt EPH) bemühen.

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Blick in den Tagebau Cottbus-Nord mit einem weiteren Findlingslager und aufgereihen Findlingen. Die hellen, unter der Grasnarbe anstehenden Sande sind Ablagerungen des Baruther Urstromtals, das am Ende der Weichselvereisung entstand. Im Bereich Cottbus-Nord und Jänschwalde finden sich Ablagerungen aller drei Kaltzeitkomplexe. Wenige Kilometer weiter nördlich folgen die Jungmoränenhochflächen des Lieberoser Landes bzw. der Brandenburg-Randlage, dem südlichsten Vordringen des Inlandeises im Weichsel-Glazial. Die selektierten Steine stammen jedoch eher aus den mächtigen saalekaltzeitlichen Satzendmoränen des Niederlausitzer Grenzwalls und aus Geschiebemergeln, Schmelzwassersanden und subglazialen Rinnen im Lausitzer Urstromtal. Auch ein hoher Anteil an elsterzeitlichem Steinaufkommen aus saalezeitlich überprägten Ablagerungen ist hier verbreitet (pers. Mitteilung R. Kühner und KÜHNER 2002).

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Zukünftige Uferbefestigung im Tagebau Jänschwalde (nicht öffentlich zugänglich).

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Kleine Findlingskippe südlich der Ortschaft Papproth im Tagebau Welzow-Süd (zugänglich). Hier wurde u.a. der in Teil 3 gezeigte Rhombenporphyr gefunden. Ansonsten ist es in den Tagebaubereichen kaum möglich, kleinere Geschiebe in Handstückgröße zu sammeln. Die nicht verfestigten Kippenbereiche mit möglicherweise handlicherem Material dürfen aus Sicherheitsgründen nicht betreten werden.

 

Sehenswerte Lokalitäten

Trotz der bergrechtlichen Zugangsbeschränkungen weiter Tagebaubereiche gibt es zahlreiche sehenswerte und öffentlich zugängliche Lokalitäten. Im Internet gibt es Broschüren zu Aussichtspunkten an den einzelnen Tagebauen. Quartärgeologisch bedeutsam ist das Eem-Vorkommen (Moorablagerungen) mit einem kleinen Museum bei Klinge am Südrandschlauch vom Tagebau Jänschwalde, siehe auch hier. Im Folgenden seien einige Orte kurz vorgestellt, weitere Angaben finden sich in SCHROEDER 2011 (Hrsg.).

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Steinitzhof in der Ortschaft Steinitz bei Drebkau (WGS84 DD: 51.626301, 14.216395) am Nordrand des Tagebaus Welzow-Süd. Das hohe Steinaufkommen im Bereich der Endmoränen des Lausitzer Grenzwalls hat die Feldsteinbauweise traditionell begünstigt. Der restaurierte historische Dreiseitenhof (Foto), die Kirche, Häuser und Grenzmauern im Dorf bestehen aus Geschieben. Der Ort ist einen Besuch wert, am westlichen Ortsrand befindet sich die große, öffentlich zugängliche Findlingskippe („Findlingslabyrinth“) mit Großgeschieben aus dem Tagebau Welzow-Süd. Zur weiteren Umgebung von Steinitz siehe auch Artikel „Buckwitzberg“.

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Ehemaliges Findlingsdepot am Tagebau Welzow-Süd, sog. „Findlingslabyrinth“ (51.626624, 14.213905). Hier gibt es beispielsweise sehr viele Rapakiwi-Gesteine, auch finnische Festlandsrapakiwis und viele riesenkörnige Granite des Transskandinavischen Magmatitgürtels (TIB). Der Erhaltungszustand etwa der Hälfte der Gesteine ist sehr gut (Stand Mai 2017).

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Reihe mit Findlingen am südlichen Tagebaurand von Cottbus-Nord in der Nähe des Aussichtsturms Merzdorf (51.777809, 14.392463).

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Lohnend ist ein Besuch im Findlingspark Nochten (51.436054, 14.604014) in der gleichnamigen Ortschaft. Im rekultivierten Tagebaubereich des Tagebaus Nochten wurde ein Landschaftspark mit Pflanzen und Steinen angelegt, der auch unter gartenbaulichem Aspekt sehenswert ist. Dort wurde auf einer ehemaligen Kippe „Klein-Skandinavien“ angelegt. Hier liegen geographisch äquivalent eine breite Palette nordischer Geschiebe, darunter viele Leitgeschiebe, am „richtigen“ Ort. Allerdings vermisse ich ein wenig den kritischen Umgang mit Fehlbestimmungen von Leitgeschieben, z.B. die Geschiebe aus dem Oslograben. Eine Revision wäre erforderlich, siehe auch dieser Artikel.

 

Petrographische Grobeinteilung der Geschiebe

Für diese Fotodatei ist eine grobe petrographische Einteilung der erfassten Gesteine nötig. Dabei ist es eher unerheblich, ob Gesteine in mehreren Gruppen auftreten können, die Sortierung erleichtert die Übersicht und das Wiederfinden. Diese Einteilung wird auch in der vorliegenden Dokumentation eingehalten. Die Steine haben fortlaufende Nummern, um eine Referenzierung zu erleichtern. Verwendete Abkürzungen bezüglich der abgebildeten Größen sind B: Breite, H: Höhe, BB: Bildbreite.

  1. Diabase, Dolerite, Gabbros: dunkle Plagioklas-Pyroxen-Gesteine mit mafischem Charakter (kein Quarz), darunter auch Anorthosite, Diorite etc.
  2. Porphyre und Vulkanite: effusive bis subvulkanische magmatische Gesteine intermediären bis sauren Charakters. In dieser Gruppe sind auch die quarzporphyrischen Rapakiwis enthalten.
  3. Granitoide, Teil 1 (TIB-Granite, südschwedische Granite).
  4. Granitoide, Teil 2 (mittel- und nordschwedische Granite).
  5. Gesteine aus Rapakiwiplutonen (außer quarzporphyrische Rapakiwis). Teil 1: Rapakiwis allgemein, Rapakiwigesteine von Åland; Teil 2: weitere Rapakiwivorkommen, finnisches Festland.
  6. Metamorphite: Gneise, Granofelse, Migmatite, Amphibolite.
  7. Brekzien und Konglomerate; Xenolithe. Pegmatite und Aplite.
  8. Sedimentite (Kalksteine, Sandsteine, Feuerstein).

 

Herkunft der Geschiebe. Leitgeschiebe?

Nach der Exhumierung und Ablagerung der Großgeschiebe läßt sich nicht mehr sagen, aus welchen glaziostratigraphischen Horizonten sie stammen, mit welchem Eisvorstoß sie also hierher transportiert wurden. Die bergmännisch selektierten Größen der Findlinge auf den Halden verwischen darüber hinaus Aussagen über die quantitative Zusammensetzung der Geschiebegemeinschaft oder der Eisstoßrichtung, weil eben nur die großen, im Anstehenden weit geklüfteten Gesteine zu finden sind, nicht jene mit naturgemäß enger Klüftung und somit kleiner Geschiebegröße, z.B. die meisten Porphyre. Geschiebezählungen an Großgeschieben machen also nur sehr begrenzt Sinn. Es gibt je nach Tagebau gewisse (sicherlich auch nur subjektiv so wahrgenommene) Häufungen von Gesteinen bestimmter Herkunftsgebiete bzw. Unterschiede in den Herkunftsgemeinschaften. Diese wurden aber nicht quantifiziert.

In den südlichen Tagebauen, v.a. Welzow-Süd, dominieren Rapakiwigesteine, viele Gesteine mutmaßlich mittelschwedischer Herkunft (Uppland-Granite) sowie Gneise und Migmatite unbestimmter, aber vermutlich weitgehend svekofennischer Herkunft bei gleichzeitiger Anwesenheit von TIB-Graniten, viele von ihnen aus NE-Smaland und vermutlich Östergötland. In den nördlichen Tagebauen Cottbus-Nord und Jänschwalde gibt es deutlich weniger mittelschwedische Gesteine, dafür wesentlich mehr Ostsee-Gesteine wie paläozoische Kalksteine und jotnische oder kambrische Sandsteine. Ein gehäuftes Auftreten von Rapakiwis vom Kökar-Typ im Tagebau Cottbus-Nord wird an entsprechender Stelle näher beschrieben. Es sei nochmal erwähnt, daß alle genannten Tagebaue außer Nochten vom Drenthe II-Eisstrom (Warthe-Stadium) überfahren wurden. Die maximale Inlandsvereisung der Weichsel-Kaltzeit erreichte Cottbus-Nord und Jänschwalde nicht mehr, sondern kam einige Kilometer weiter nördlich zum Stillstand.

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Foto von einer Schautafel im Geiseltal/ Sachsen-Anhalt. Die Karte zeigt in etwa die Eisstoßrichtungen zum Ende der Weichsel-Kaltzeit. Die Herkunftsgebiete der Geschiebe in der Niederlausitz liegen weitgehend in den östlichen Gebieten Schwedens, auf den Åland-Inseln (vermutlich auch auf dem finnischen Festland) und am Grund der Ostsee. Das Inlandeis wuchs zunächst vom skandinavischen Festland ausgehend nach Süden, später setzte im Weichselglazial ein deutlicher Schwenk nach Westen ein. Vermutlich bestimmte hierbei die Ostseesenke zumindest zeitweise wesentlich die Eiszugrichtung. Aus dem Saale-Komplex sind hauptsächlich zwei kontinuierliche Stoßrichtungen aus NE und ENE dokumentiert, aus der Elster-Eiszeit nördliche Richtungen.

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Foto von einer Schautafel am geologischen Park in Grießen (51.852400, 14.588920) zu den Herkunftsgebieten der Geschiebe. Darauf sind unterschiedliche Leitgeschiebe sowie weitere Geschiebearten gemäß ihrer geographischen Herkunft markiert, die in Einzelfällen auch diskussionswürdig sind. So ist der Jotnische Sandstein (Nr. 7, 9, 20, 26) hier ausschließlich in Dalarna beheimatet. Es gibt aber auch größere Vorkommen in anderen Gebieten: am Grund der Ostsee, an der Küste bei Gävle u.m. Der Status bestimmter Leitgeschiebe ist umstritten: Nr. 12 (Rätan-Granit), 24 (Särna-Diabas). „Rote Växjö“-Granite (3) kommen in verschiedenen Gebieten in ganz Småland vor. Es verbleiben:

  • Åland-Inseln: Rapakiwi-Gesteine (6, 28), evtl. auch vom finnischen Festland (15).
  • Granite von Bornholm (27)
  • Paläoporellenkalk von Öland bzw. der mittleren Ostsee (11)
  • Uppland-Granite, z.B. Sala-, Uppsala-, Vänge- und Stockholm-Granit.
  • Filipstadgranite (2) sowie aus dem in NW-SE-Richtung durch Schweden verlaufenden TIB-Granitgürtel.
  • Kinne-Diabas (13) als westliches Vorkommen.

Die Grafik zeigt nur einige wenige Vorkommen von Geschieben und Leitgeschieben. Auf die einzelnen Gesteine wird an betreffender Stelle im Text näher eingegangen. Unter den Großgeschieben finden sich zahlreiche Gneise, Gneisgranite, Granite, Migmatite, Gabbros, Diorite u.v.m., die keiner Herkunft zugeordnet werden können. Ein prozentualer Anteil der Leitgeschiebe am gesamten Geschiebebestand ist schwer abzuschätzen und hängt vom Kenntnisstand des Bearbeiters ab, er liegt m.E. deutlich unter 5-10%. Beschreibungen der Leitgeschiebe wurden mit der einschlägigen Literatur abgeglichen (HESEMANN 1975, ZANDSTRA 1999, SMED 2002, VINX 2016, RUDOLPH 2017 sowie Internetquellen und Datenbanken, s. Literaturverzeichnis am Ende) und ergänzt durch eigene Studien im Anstehenden in Schweden. Vermutungen und Spekulationen bei der Untersuchung und Ansprache von Gesteinen mit makroskopischen Mitteln sind gemäß einem Wunsch nach möglichst genauer Spezifizierung nicht ganz zu verhindern, sollten aber auf ein Mindestmaß beschränkt bleiben. Irrtümer, Fehlbestimmungen, auch falsche Beobachtungen oder Folgerungen sind nicht auszuschließen. In jedem dieser Fälle freue ich mich über Korrekturen, Anregungen und Kritik.

An dieser Stelle sei herzlich gedankt: Matthias Bräunlich, Hildegard Wilske und Herrn A.P. Meyer für die Diskussion und Kommentierung einiger Gesteinsbilder. T. Budler, F. Rudolph und S. Schneider für die Bestimmungshilfe bei den fossilführenden Gesteinen. Frau A. Hobracht und Herrn Priestel von der Vattenfall Mining AG für die Genehmigungen zum Betreten der Tagebaubereiche Cottbus-Nord und Herrn R. Kühner für die Auskünfte zum Findlingssaufkommen in den Tagebauen.

 

Allgemeine Beobachtungen an den Steinen

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Mächtiger, etwa 2,50 m hoher, stark kantengerundeter Findling eines Gneisgranits mit Pegmatitgang (Nr. 265; kein Revsund-Granit). Er befindet sich auf der Bärenbrücker Höhe, einer rekultivierten Kippe im Bereich des Tagebaus Cottbus-Nord. – Spuren des Transports der Gesteine mit dem Eis sind an vielen Geschieben zu beobachten. Die Geschiebe wurden nicht überwiegend, wie der Name vielleicht impliziert, mit dem Eis hierher geschoben, sondern im Eis eingeschlossen fließend transportiert. Die Steine erfuhren im Allgemeinen also keine besondere Abrundung während des Transportes, sondern besaßen diese entweder schon vorher in situ durch Verwitterung (core stones, v.a. bei granitähnlichen Gesteinen) oder wurden durch dem Transport nachfolgende Prozesse der Schmelzwasserbildung gerundet.

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Die diagonal durch das Bild verlaufenden Streifen sind Spuren mechanischer Bearbeitung durch das Gletschereis. Im Eis eingeschlossene Gesteine und solche des Untergrundes werden gegeneinander geschliffen. Dadurch entsteht ein gekritztes Geschiebe, hier als Beispiel an einem bunten Granitporphyr (Nr. 160, Steinitz) unbestimmter Herkunft.

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Windkanter (Nr. 381, ehem. Ortslage Klinge, BB 55 cm). Diese scharfen Grate und glatten, häufig leicht konvexen Oberflächen entstehen durch die Interaktion von Wind und Sand mit dem Gestein in vegetationsloser, trockener Landschaft. Möglicherweise auch begünstigt durch kräftige Fallwinde vom Inlandeis wirken Sand und Wind wie ein Sandstrahlgebläse. Die Zeiträume bis zur Herausbildung eines Windkanters sind kurz, wenige Jahre oder Jahrzehnte genügen, s. KRAUSE 2015.

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Ein weiterer Windkanter (Nr. 516, B 85 cm) aus dem Tagebau Cottbus-Nord. Eiskanter, die mehrere, durch abschleifende Tätigkeit eines Gletschers entstandene in unterschiedliche Richtungen gekritzte Flächen mit mindestens einer gemeinsame Kante ausbilden, wurden bisher nicht gefunden. Insgesamt sind Windkanterbildungen an Geschieben der Niederlausitz nicht besonders häufig zu beobachten.

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Ausblasungen (Nr. 382, Findlingslager Cottbus-Nord?, BB), rechts mit Ansatz einer Windkanterbildung.

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Fließfacetten? (Granit an der ehem. Ortslage Klinge, Südrand Tgb. Jänschwalde, BB ca. 50 cm) entstehen durch turbulente Schmelzwässer. Es sind muschelartige Lösungshohlformen, die z.B. während Schmelzperioden durch von Gletschern herabstürzende Wassermassen gebildet werden oder in Schmelzwasserflüssen entstehen. Eine Verschüttung der Gesteine in Kiesen und Sanden verlangsamt die Verwitterung dieser Spuren. Im vorliegenden Fall ist aber nicht ganz klar, ob es sich um Fließfacetten oder Spuren von Ausblasungen in periglazialen Bereichen handelt.

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Sichelbrüche entstehen durch den hohen Druck des Eises bei der Kollision mit anderen Geschieben. Geschiebe vom Findlingslager Cottbus-Nord, Nr. 340, B 50 cm.

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Vermutlich Kolklöcher (BB 50 cm), entstanden durch turbulent fließende Schmelzwässer.

 

Literatur/Links

Autorenkollektiv 2010 Die geologische Entwicklung der Lausitz – Vattenfall Europe Mining AG, 195 S. ISBN 973-3-00-033274-6.

Bräunlich M 2016 Kristallingesteine der nördlichen Ostsee (Teil 1: Rapakiwis) – Geschiebekunde aktuell 32, 2: 38-54.

Hesemann J 1975 Kristalline Geschiebe der nordischen Vereisungen – GLA Nordrhein-Westfalen: 191-192.

Kühner R, Seibel B 2002 Vorkommen und Erkundung von Steinen im quartären Deckgebirge der Lausitzer Braunkohlentagebaue – Surface Mining 54 (2002) No.3, 1-10.

Kühner R et al. 2005 Geschiebekundliche Beiträge aus der Lausitz – Festschrift 10 Jahre Arbeitskreis „Zeugen der Eiszeit in der Lausitz“.

Krause K 2015 Pleistozäne Windkanter: Steine, Sand und Wind – Geschiebekunde aktuell 31, 4: 105-112.

Rudolph F 2017 Das große Buch der Strandsteine – Wachholtz Verlag, 320 S.

Schroeder J H (Herausg.) 2011 Führer zur Geologie von Berlin und Brandenburg Nr.10: Cottbus und Landkreis Spree-Neiße, 267 S. – Selbstverlag Geowissenschaftler in Berlin und Brandenburg e.V.

Smed P, Ehlers 2002 Steine aus dem Norden, 2.Auflage – Gebrüder Bornträger, 195 S.

Vinx R 2011 Gesteinsbestimmung im Gelände, 3. Auflage – Spektrum-Verlag, 480 S.

Vinx R 2016 Steine an deutschen Küsten – Verlag Quelle & Meyer Wiebelsheim, 279 S.

Zandstra J G 1988 Noordelijke kristallijne gidsgesteenten – E. J. Brill 1988, 469 S.

Zandstra J G 1999 Platenatlas van noordelijke kristallijne gidsgesteenten – Backhuys Leiden, 412 S.

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „Großgeschiebe aus der Niederlausitz – Einleitung

  1. Eckard Krüger

    Hallo,

    ich bin froh, auf diese Seiten gestoßen zu sein. Dank an den Harzsammler, Michael J. – Habe hier sicher viele Vergleichsmöglichkeiten, aber es treten auch Fragen auf. Das jedoch macht die Sache interessant. – Hätte ich doch nur noch mehr Zeit.

    Besten Gruß
    Eckard

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