Geologische Streifzüge auf Møn: Møns Klint

DSC_0487Küstennah aufgeschlämmte Kreide aus der Steilküste erzeugt dieses Farbspiel von Möns Küste. Die Kreide aus dem Erdzeitalter der namensgebenden (Ober-)Kreide (vor 70 Millionen Jahren) wurde in der letzten Eiszeit durch die Gletscher aus Skandinavien überfahren und dabei in bis zu 50m dicken Schollen aufgepresst und aufgeschoben, danach von Abschmelzprozessen und Klima geformt. In diesem Artikel finden sich kommentierte Bilder zur Geologie von Möns Klint im Osten der Insel und einige Bilder von Fossilfunden.

DSC_0471Blick vom Dronnigestolen (Königinnenstuhl) nach Süden. Der östliche Teil Möns ist eine Hügellandschaft (Høje Møn),  die abrupt abbricht: die Kreidefelsen fallen von 128 m Höhe scheinbar senkrecht (Neigung > 60°) auf Meeresniveau ab. Möns Kreideküste ist etwa 8 km lang, die Formung der Küstenlinie erfolgte nach der letzten Kaltzeit (Frostsprengung, Regen, Sturm, Brandung). Die Strände sind von schwarzen, durch Brandung zunehmend gerundeten Feuersteinen (Flint) dominiert, lockere Kreide wird durch Wellenbewegung recht schnell weggeschlämmt, darüber hinaus finden sich natürlich reichlich skandinavische Gesteine.

DSC_0546Entstanden sind die Meeresablagerungen in der Ober-Kreide (Unter-Maastricht) vor 70 Ma. Große Teile Nordeutschlands (bis zum Harz) und Dänemark waren vom Kreidemeer bedeckt, welches hier (und auf Rügen) eine Tiefe bis zu 200m und durchschnittliche Wassertemperaturen von etwa 20 Grad (tropisches Klima) hatte. Die Schreibkreide ist sehr rein, sie besteht zu 98% aus Calciumcarbonat. Mikroskopisch kleine Kalkalgen, die sog. Coccolithen (Coccolithophorida) sowie untergeordnet Foraminiferen und Bryozoen sorgten pro Jahr für einen Sedimentzuwachs von etwa 0,5mm, Formationen der Schreibkreide (im Untergrund) sind bis zu einer Mächtigkeit von 500m bekannt. Der Coccolithenschlamm bedeckte andere abgestorbene Meeresbewohner, welche heute als Fossil in der Kreide gefunden werden können.

Graryg FaldKreidezinnen bei Graryg Fald. Es besteht an Möns Kreideküste die Gefahr von Erdrutschen und Bergstürzen, vor allem im Herbst und Winter. Immer wieder bilden sich nach gewaltigen Bergstürzen Halbinseln in der Ostsee, die im Laufe weniger Jahre wieder weggeschwemmt werden.

DSC_1002Reste eines solchen Abbruchs zeichnen sich am Boden der Ostsee ab. Sehr schön sind diese „Kreidefahnen“ auch auf Google maps zu sehen.

KüstenlinieBei Graryg Fald gibt es eine ehemalige Küstenlinie, erkennbar an den kleinen Feuerstein-Geröllen im Kreidegrus, etwa 2m über Wasserniveau, möglicherweise das Resultat einer Sturmflut.

Feuersteinbänder 2Auf diesem Bild sind die ursprünglich waagerecht liegenden Kreidesedimente mit den typischen, eingelagerten Feuersteinbändern zu sehen. Durch den Druck der eiszeitlichen Gletscher wurden sie angehoben und schräg gestellt.

FeuersteinbänderMan nimmt an, daß die Feuersteinlagen im noch unverfestigtem Sediment entstanden sind. Es kam am Meeresboden zur Abscheidung von Kieselsäure-Gel aus Kieselschwämmen und Kieselalgen (Auflösung von Kieselskeletten im durch Zersetzungsprozesse organischer Substanz gebildeten alkalischen Milieu). Diffusion von Porenwasser und nachfolgende plötzliche (metastabile Lösung!) Ausscheidung der wasserhaltigen Kieselsäure-Gele führte zur Bildung der Feuersteinlagen, bevorzugt um biogene Reste gelagert. Der Prozeß beginnt wieder von vorn. Danach entstand in Jahrmillionen durch Wasserentzug und weitere Verfestigung durch Kompaktion der heute bekannte Feuerstein. Siehe auch hier zu diesem Thema. Diese Bildung dieser Kieselsäuregelen ist auch durch Tiefseebohrungen belegt.

DSC_1092In der Sonne leuchtend weiß, bei feuchtem Wetter schmutzig braun durch Lehm, Schlamm und Schmutz nach Regenfällen. Zeit, den Blick nach unten zu richten, um zu schauen, was einem die Suche nach Fossilien in die Taschen spült.

KonkretionenTypische Funde im schwarzen baltischen Flint: links ein gekritztes Geschiebe (Parabelrisse, entstanden durch Druckbelastung), in der Mitte ein Feuerstein mit Fließabdrücken, rechts eine typische Feuersteinkonkretion mit weißer Verwitterungsrinde, frisch aus der Kreide. Konkretionen können in mannigfaltigen Formen auftreten, werden bisweilen für Fossilien gehalten, sind jedoch sog. Scheinfossilien.

 

rhythm Fällung   FeuersteineGestreifte Feuersteine (mit „Liesegangschen Ringen“) sind auf rhythmische Fällungen zurückzuführen. Das rechte Foto zeigt verschiedene Feuersteinvarietäten: Violett-gelb gerindeter Feuerstein aus dem Tertiär, ein grauer und ein roter Flint. Letzterer sieht dem berühmten roten Feuerstein von Helgoland ähnlich. Die Farben sind auf Beimengungen von Eisenverbindungen (gelb, violett, rot) oder auf Verwitterung (weiß,gelb) zurückzuführen. Der gewöhnliche Feuerstein auf Mön ist schwarz (Maastricht/O-Kreide), in Faxe ist er braun (Danien/Tertiär).

Feuerstein 1   ????????????????„Yin-und-Yang“-Feuerstein, etwas für Esoteriker. Nicht mehr und nicht weniger als das Abbild partieller Verwitterung. Ein Limonit-„Auge“ sorgt für weitere farbliche Stimmung. Rechts ein brauner Feuerstein, vermutlich aus dem Danium, der ältesten Stufe des Paläogen (Tertiär) vor 66 bis 61,1 Millionen Jahren.

KlappersteineKlappersteine (Rasselsteine, Kugelflint) mit den charakteristischen Löchern (⌀ der größten Kugel 4 cm). Im Inneren befindet sich der Kugelschwamm plinthosella squamosa oder resonans, dessen verkieselter Rest beim Schütteln der Steine klappern kann, allerdings ist dies nicht bei direkt in der Kreide gefundenen Exemplaren der Fall. Überdies sind echte Klappersteine recht selten. Es kann sich allerdings lohnen, mehrere Exemplare mitzunehmen und einige Wochen trocknen zu lassen.

DSC01699 copy   ???????????????????Pycnodonte vesicularis (links etwa 8 cm breit mit Gastropoden-Bohrlöchern, rechts ein großes Exemplar von etwa 15 cm Länge). Meist ist nur die Oberschale dieser etwa 70 Millionen Jahre alten Auster erhalten.

Feuerstein Belemnit   DSC01710 copyDonnerkeile, Spitze der Rostren von Belemniten (Tintenfische), Belemnella occidentalis, links im Feuerstein eingebettet, rechts als Strandfund, reichlich zu finden. Die Rostren sind der einzig fossil überlieferte Teil eines kreidezeitlichen Tintenfisches, komplette Exemplare mit Weichtiererhaltung sind sehr selten zu finden und aus der Oberkreide nicht bekannt.

Untitled-1 copy (2)   Untitled-4 copyKelchkoralle Parasmilia excavata (⌀ 3 cm), Stacheln vom Seeigel stereocidaris und Kugeln vom Schwamm Porosphaera globularis (⌀ bis 1 cm) mit Bohrlöchern (Fraßspuren von Räubern).

Untitled-2copy   DSC01729 copySeeigel (Echinoidea) in Steinkernerhaltung, links ein kleines (1,5 cm), aber gut erhaltenes Exemplar von eines regulären (5-strahligen) Seeigels der Gattung Galerites vulgaris, rechts ein Bruchstück eines Galerites und eines Cidaris („Turban-Seeigel“). Die Strände waren im Oktober schon gut abgesammelt, trotz intensiver Suche gab es in diesem Jahr (2013) nur einen einzigen kompletten Seeigel. Die Stacheln fallen ab und werden meist isoliert in  kleineren Kiesfraktionen gefunden (s. oben).

DSC01707 copy   Untitled-6copyLinks: Abdruck eines Schwammes, möglicherweise Aulaxinia. Rechts eine Muschel, Spondylus fimbriatus (⌀ 3 cm). Die Asymmetrie der Klappen auf der Unterseite ist gut zu erkennen.

DSC01715 copy   DSC01712 copyLinks Kieselschwamm Aulaxinia (Länge 5-6 cm), rechts unbestimmbar, möglicherweise eine abgerollte Brachiopode.

??????????????????   ????????????????????????Abdruck eines Schwammes, vielleicht Ventriculites, rechts verkieselter Anschnitt eines Schwammes, ein größeres Exemplar von Porosphaera?

DSC01706 copy   Untitled-5 copyEbenfalls ein Schwamm, unbestimmt, links ein Sandsteinkonglomerat mit Phosphorit.

DSC_1411   Pyrit 1Die Kreidefelsen bluten hier förmlich von Limonit und Hämatit, während die Brandung direkt an den Kreidefelsen nagt.  An dieser Stelle konnten einige Pyritknollen gefunden werden. Die Knolle oben rechts wiegt etwa 3-4 Kilo, Breite 12 cm. Die Entstehung des Pyrits im Kreidesediment  wird durch die Konzentration von eisenreichen Lösungen um einen Kern organischen Ursprungs erklärt: anaerobe Bakterien bilden zur Energiegewinnung unter reduzierenden Bedingungen aus Fe(III) zweiwertiges Eisen und reduzieren Sulfat zu Sulfid (anaerobe Photosynthese). Das zunächst schwarze, feinverteilte Eisensulfid lagert sich an Biogenreste an und wandelt sich in langen Zeiträumen der Kompaktion oder Diagenese über Markasit zu Pyrit um.

Pyrit 2Pseudomorphosen von Pyrit nach Markasit, Breite 7cm. Auffälliger Schwefelgeruch ist nicht festgestellt worden. Dies läßt hoffentlich auf hohen Pyrit-Gehalt schließen, gut für das Fundstück, denn Markasit hat die unangenehme Eigenschaft, irgendwann plötzlich zu zerfallen, die Probe zerbröselt.

DSC_0994Blick von Ørekulen nach Norden. Die Kreideküste wird aus wechselnden Schollen von Kreide und Einschaltungen von  Geschiebemergel sowie Schmelzwassersanden zusammengesetzt, was die Instabilität der Klippen und Felsen und die Gefahr von Bergstürzen erklärt, da zur Küste abfließendes Wasser die sandigen Bestandteile herausschwemmt. Auf diesem Bild sieht man im Vordergrund Kreide, im Hintergrund Schmelzwassersande. Der Steiluferweg ab der Waldkante verläuft mit gebührendem Abstand zur Steilküste.

GeschiebemergelÄhnliche Ansicht von unten: dunkler Geschiebelehm, überlagert von teilweise geschichteten Schmelzwassersanden. Laut Smed (Smed/Ehlers: „Steine aus dem Norden“, 2002) sind auf Mön sowohl die Moränen des Weichel-Altbalt (vor 70.000 bis 65.000 Jahren, erste Phase der Eisbedeckung) als auch des Weichsel-Spätglazials abgelagert (vor 28.000-14.000 Jahren, zweite und letzte Phase Weichsel-Vereisung).

Kontakt Kreide GeschiebemergelVerwerfungsfläche zwischen Kreide und Geschiebemergel. Der Kontaktbereich ist 10-20 cm breit. Man kann an dieser „geharnischten“ Gleitfläche sehen, wie der Geschiebemergel unter die Kreide geschoben wurde, ohne diese zu deformieren.

AbbruchIm Januar 2007 gab es einen Felssturz, der rund um den Store Taler Hundertausende Kubikmeter Kreide und Lehm abstürzen ließ, der größte Abbruch seit 50 Jahren. Solche Abbrüche sind vergleichsweise selten, kleinere Abbrüche sind während des gesamten Jahres möglich, gehäuft aber im Winter und Frühling (Frostsprengung, Schneeschmelze, starke Regenfälle). Der durchschnittliche Küstenverlust beträgt etwa 20cm/Jahr, in etwa 10.000 Jahren dürfte von der Kreideküste Möns nicht mehr viel übrig sein. Bis dahin hat sich aber möglicherweise ein neuer Gletscher aus Skandinavien auf den Weg gemacht, der Prozeß der Küstenbildung könnte sich wiederholen.

Rode UdfaldBlick von Røde Udfald nach Norden Richtung Liselund. Besuchenswert ist auf jeden Fall auch das Geocenter Møns Klint. Auf der Seite gibt es schöne Fotos von Kreidefossilien. Man kann auch im Geocenter seine Funde bestimmen lassen. Hilfreich bei der Fossilbestimmung war auch die Seite von Bodo Manitz zu Fossilfunden aus der Kreide von Rügen. Beim Geological Survey of Denmark and Greenland gibt es einen interssanten Aufsatz zur Glazitektonik.

 

Ein Gedanke zu „Geologische Streifzüge auf Møn: Møns Klint

  1. Joachim Adolphi

    Komme gerade vom ersten Moen-Urlaub (4 Tage) meines Lebens zurück und bin begeistert von Ihrer Seite.
    Werde mich nach dem vergleichenden Studium noch ausführlich melden und ein paar Bilder von Geschieben vom Fischland-Kliff (das vierte Jahr in Folge 5 Tage) und von Moen beisteuern.
    Seit 10 Jahren sammle und bearbeite ich Achate aus dem Osterzgebirge, vor 4 Jahren habe ich die Welt der Geschiebe für mich entdeckt: Sie ist schier unendlich und für einen struktur-besessenen Physiker in Rente ein toller Spielplatz.
    Herzlichen Dank für Ihre Freigebigkeit!
    Joachim Adolphi aus Dresden

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